Rede von Dr. Ingo Friedrich anlässlich der Verleihung des Förderpreises für junge Journalisten
Gemeinsame Werte für ein gemeinsames Europa:
Zur Bedeutung des Dialogs der Kulturen
Es freut mich, bei der Festveranstaltung zur Verleihung des Förderpreises für junge Journalisten hier im Konferenzzentrum der Hanns-Seidel-Stiftung (HSS) zu sprechen. Gleichzeitig gilt der Stiftung an dieser Stelle ein besonderes Dankeschön für die bewährte und fundierte Ausbildung, die begabte junge Journalisten und solche, die es werden wollen, unter ihrem Dach genießen. Als Vorstandsmitglied der HSS ist es mir eine besondere Ehre, heute das Ergebnis dieser wichtigen Arbeit zu sehen. Der Wettbewerb ist ein wesentlicher Bestandteil der Ausbildung junger qualifizierter Journalisten. Um so erfreulicher ist das hohe Niveau der eingereichten Arbeiten, wie mir die Jurymitglieder Frau Prof. Dr. Goderbauer-Marchner, Frau Prof. Männle, MdL, Herr Dr. Matern und Herr Prof. Niedermeier bestätigt haben. Nicht unerwähnt an dieser Stelle seien aber auch die beiden weiteren Säulen der Journalistenausbildung, das so genannte "Journalistische Förderprogramm für Stipendiaten" und die allgemeine journalistische Nachwuchsförderung. Beide Programme vermitteln das Rüstzeug für eine spätere Tätigkeit in allen Medienarten. Dank der nach modernen technischen Standards ausgestatteten Bildungszentren - ganz besonders gilt das für Kloster Banz - wird das Wissen nicht nur mit grauer Theorie "übergebracht", sondern praktisch, nach der Maxime "Learning by doing".
Journalisten und Politiker haben eines gemeinsam: Ihr Berufsstand genießt kein sehr hohes gesellschaftliches Ansehen. "Ein Journalist, ist einer, der nachher immer alles vorher gewusst hat", hat Karl Kraus schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts gesagt. Gut ausgebildete - also seriös recherchierende und ihr Handwerkszeug sicher beherrschende - Journalisten sind heute gefragter denn je. Die bestimmenden Themen der Gesellschaft werden komplexer und erscheinen so bürgerferner als noch vor wenigen Jahrzehnten. Gleichzeitig sinkt das Informationsbedürfnis - eine Tendenz, der entgegengewirkt werden muss. Seit fast zwanzig Jahren ist nach Umfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach ein schleichender Prozess der Abwendung junger Leute von der Zeitung im Gange. Nur noch rund 40 Prozent der 14- bis 29-Jährigen lesen heute täglich eine regionale Abonnementzeitung. Umso bedenklicher ist vor diesem Hintergrund, dass zwielichtige Idole wie Dieter Bohlen und Daniel Küblböck neben den audiovisuellen Medien inzwischen zunehmend auch das gedruckte Wort für sich in Anspruch nehmen. Auch dieses Phänomen führt im weiteren Sinn zu der Wertedebatte zurück. Darauf werde ich noch zu sprechen kommen.
Das Thema des diesjährigen Wettbewerbs "Dialog der Kulturen - Voraussetzungen - Grundsätze - Grenzen" ist aktueller denn je, nicht erst seit den verheerenden Terroranschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001, die die Welt in lähmende Angst versetzt haben. Die schreckliche, bereits in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts vom Oxford-Gelehrten Hedley Bull entwickelte These von einer "Revolte gegen den Westen" oder die Horrorvision Samuel Huntingtons vom "Clash of cultures", dem Kampf der Kulturen, schienen Wirklichkeit geworden zu sein. Wenn auch aus heutiger Sicht die Schwarzseher um Bull und Huntington nur teilweise Recht behielten, wird ein erfolgreicher Dialog der Kulturen eine der großen Zukunftsaufgaben sein, zumindest was den inneren Umbau der Gesellschaft angeht. Dieser darf neben der äußeren Reform wie der Neujustierung der sozialstaatlichen Elemente nicht vernachlässigt werden. Der Dialog der Kulturen kann jedoch keine von oben verordnete Lösungsstrategie sein, keine auf bloßem Pragmatismus beruhende Annäherung zwischen Staaten unterschiedlicher kultureller Provenienz. Ein erfolgreicher Dialog muss vielmehr bis in die subtilsten Verästelungen der Gesellschaft durchdringen, in Familien, Vereine, Schulen und an den Arbeitsplatz. Unglücke mit einer globalen Dimension verstellen leider oft den Blick auf die Konsequenzen für die "kleinen Einheiten" der Gesellschaft. Die zahlreichen hier eingereichten Arbeiten richten den Blick genau darauf.
Warum ist der Diskurs über Werte so wichtig? Warum brauchen wir eine Annäherung unterschiedlicher Kulturkreise? Warum kann der Dialog nur grenzüberschreitend stattfinden?
Nicht umsonst besteht zwischen den Begriffen "Wert" und "Werte" eine etymologische und semantische Verwandtschaft. Plakativer ausgedrückt: Werte stehen in einem engen Zusammenhang mit dem Wert einer Gesellschaft. Ich erachte es als positives Signal, dass der Wertebegriff derzeit auch in den Medien Konjunktur hat. "Die neuen Werte: Ordnung, Höflichkeit, Disziplin, Familie" titelte der "Spiegel" am 7. Juli, das Magazin der "Süddeutschen Zeitung"Evangelische Kirche in Deutschland am 14. Oktober unter dem Titel "Kirche - Horizont und Lebensrahmen. Weltsichten, Lebensstile, Kirchenbindung" in Berlin vorgestellt hat.
Der ungarische Literaturnobelpreisträger und Auschwitzüberlebende Imre Kertész hat in seiner Magdeburger Rede zum Tag der Deutschen Einheit vor wenigen Wochen festgestellt, dass in der postmodernen Welt von heute die Grenzen nicht mehr zwischen Volksgruppen und Nationen verlaufen, sondern zwischen Weltanschauungen und Welthaltungen, Vernunft und Fanatismus, Toleranz und Hysterie, kurzum zwischen Gut und Böse. Kertész' Prognose fällt düster aus: "Unsere Begriffe davon sind aber anscheinend zu unterschiedlich, und sie werden umstritten bleiben, solange nicht wieder ein festes Wertesystem einer gemeinsam gestalteten und gemeinsam getragenen Kultur entsteht."
Die Frage nach den Werten Europas muss - am Vorabend der historischen EU-Osterweiterung - mit Nachdruck geführt werden: Auf welche geistigen und moralischen Grundlagen stützt sich Europa? Braucht Europa einen grenzüberschreitenden Wertekern, der den inneren Zusammenhalt sichern und die dringend erforderliche europäische Identität stiften kann? Die Antwort, die ich Ihnen auf diese Frage gebe, fällt kurz und eindeutig aus: ja! Warum möchte ich Ihnen gerne begründen.
Im Jahr 2003 steht die Europäische Union an einem historischen Scheideweg: Im Mai des nächsten Jahres werden planmäßig zehn Staaten Osteuropas und aus dem Mittelmeerraum in die Gemeinschaft aufgenommen. Gleichzeitig muss die EU ihre Institutionen - Sie alle kennen das sprichwörtliche Demokratiedefizit und das Klischee der rigiden Regelungswut der Brüsseler Bürokratie - auf eine neue Grundlage stellen, um auch nach diesem Quantensprung effizient und bürgernah arbeiten zu können. Die politische Führbarkeit soll erhalten bleiben, auch in einer Union der 25 oder mehr Staaten. Plastischer formuliert: Das Haus Europa muss auf einem soliden Fundament stehen, wenn darin zusätzliche Stockwerke eingezogen werden sollen.
Gestatten Sie mir, die Ausgangslage kurz zu skizzieren. Der Reformkonvent hat im Sommer einen Entwurf für einen Verfassungsvertrag vorgelegt, die Blaupause für ein "europäisches Grundgesetz". Die Ergebnisse des Konvents, die die derzeit tagende Regierungskonferenz abschließend beraten muss, schaffen - trotz vieler Mängel bei der Kompetenzverteilung - institutionelle Fortschritte und berechtigen zur Hoffnung einer bürgernäheren und demokratischeren Union.
Es würde den Rahmen dieser Veranstaltung sprengen, den Verfassungsvertrag detailliert zu kommentieren. Wichtig erscheint mir jedoch ein Aspekt: Auf der Zielgeraden zur EU-Osterweiterung drängt sich nicht nur die Frage nach einer Neuausrichtung der Institutionen auf. Eine solide institutionelle Basis ist natürlich wichtig, kann allein ein erweitertes Europa langfristig aber nicht untermauern. Deshalb muss die Frage gestellt werden nach der gemeinsamen ideellen und geistigen Basis der Union.
Auf der globalen Bühne steht die EU vor enormen dramaturgischen Herausforderungen: Die Folgen der wirtschaftlichen Globalisierung, das Diktat der marktökonomischen Gesetze und die Bedrohung durch den internationalen Terrorismus haben die weltpolitische Architektur umwälzend verändert. Vor diesem Hintergrund muss sich Europa dringend neu positionieren.
Das Zusammenleben in einer kleiner werdenden Welt erfordert Spielregeln, einen grenzüberschreitenden Ethikkatalog. Werte "made in Europe" müssen ein weltweit fester Begriff sein. Ziel ist, dass Europa seine strategische Rolle als "kontinentaler Wertenukleus" definiert. Umfragen, unter anderem des Arabisch-Amerikanischen Instituts in Washington, weichen das gängige Klischee auf, dass westliche Werte wie Freiheit und Demokratie in den arabischen Ländern verpönt seien.
Der spanische Philosoph Ortega y Gasset hat einmal die Behauptung aufgestellt, vier Fünftel des geistigen Besitzes seien allen Europäern gemeinsam, lediglich ein Fünftel habe einen nationalen Ursprung. Auf den ersten Blick scheint es, als habe er sich geirrt. Ein europäisches Wertekompendium - eine Illusion. Eine fruchtbare Wertedebatte - ausgeschlossen aufgrund der zahlreichen unterschiedlichen nationalen Traditionen und Befindlichkeiten. Lassen sie mich nur ein Beispiel herausgreifen, das die uneinheitliche Ausgangslage verdeutlicht: Frankreich, ein laizistischer Staat par excellence, ist von den Idealen der Revolution geprägt, aber neben den Menschen- und Bürgerrechten eben auch von Proust und Baudelaire. Osteuropäische Länder bekennen sich offen zur Religion, die polnische Verfassung beinhaltet sogar eine explizite Nennung Gottes, die Invocatio Dei. Wo liegen also die Schnittmengen? Welche Werte sind es, auf die Europa sich stützt? Oder - frei nach Goethes Faust formuliert - welche "Macht" ist es, die Europa "im Innersten zusammenhält"?
Die ökonomischen Elemente, die die EU-Mitgliedstaaten unermüdlich in Einklang zu bringen versuchen, können sicherlich noch keine wirkliche Einheit begründen. Der Binnenmarkt bildet natürlich das Kernelement Europas. Flankiert werden muss er jedoch von sozialpolitischen Maßnahmen und identitätsstiftenden Werten, für die Europa steht. Europa ist mehr als der Binnenmarkt. Die 1950 getroffene Aussage des französischen Ökonomen Jacques Rueff - "L?Europa se fera par la monnaie ou ne se fera pas" - mag vielleicht aus der damaligen Perspektive richtig und wichtig gewesen sein. Heute wissen wir, dass die marktwirtschaftliche Effizienz nur einen, wenn auch zentralen Teil der wünschenswerten Politik in Europa darstellt. Als bloße Wirtschaftsgemeinschaft hat Europa keine Zukunft, sie muss sich auch zu einer Wertegemeinschaft"Marktmenschen" begreifen. Wirtschaftlichkeit ist die Voraussetzung der Integration, Menschlichkeit garantiert der Integration eine lange Lebensdauer.
Der erste europäische Konvent, in dem ich an vorderster Stelle als Wortführer der christlichen Parteien mitwirken durfte und erfolgreich für eine Verankerung des "geistig-religiösen Erbes" gekämpft habe, hat die GrundrechtechartaAllgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 liegt damit ein weiterer international bedeutender Text vor, der die Unteilbarkeit und die gegenseitige Bedingtheit der Menschenrechte zum Ausdruck bringt. Die Charta besteht aus einer Präambel und den sieben Kapiteln "Würde des Menschen", "Freiheiten", "Gleichheit", "Solidarität", "Bürgerrechte", "Justizielle Rechte" und "Tragweite der Rechte". Feierlich proklamiert wurde sie durch den Europäischen Rat von Nizza im Dezember 2000. Vom Konvent wurde sie jetzt in den Verfassungsvertrag als integraler Bestandteil inkorporiert und erhält auf diese Weise konstitutionellen Rang.
Der Verfassungsvertrag weist noch erhebliche Leerstellen auf, die die Staats- und Regierungschefs jetzt mit Inhalt füllen müssen. Ich halte mit Blick auf die Wertedebatte einen Gottesbezug und eine Nennung der christlichen Wurzeln - zentraler Prägestempel der europäischen Geistesgeschichte - für unerlässlich. Der vorliegende Text nennt bislang in der Präambel lediglich die Grundlagen Europas, "schöpfend aus den kulturellen, religiösen und humanistischen Überlieferungen Europas, deren Werte in seinem Erbe weiter lebendig sind". Es ist abwegig, dass in einer solchen Aufzählung das Christentum nicht genannt
Die Religion, die Transzendenz und eben auch das Wertefundament des Christentums bilden integrale Bestandteile der kulturellen Identität Europas. Die europäische Verfassung hinge buchstäblich in der Luft, würde sie diese Wurzeln neben der nationalen Identität unterschlagen. Natürlich folgt aus dem Gottesbezug kein konkretes politisches Programm. Aber er verweist auf die Tiefenschichten des europäischen Gesellschaftsmodells. Dieser Dimension von Menschenwürde, Frieden und Freiheit entspringt nicht zuletzt die Idee der europäischen Einigung - so laizistisch sie auch sein mag. Das christliche Menschenbild gehört unverbrüchlich zum gesellschaftlichen Wertekonsens Europas.
Werte wie Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit sind Ideale, die den entscheidenden Impetus für die Gründungsväter Europas darstellten. "Europa", lautete die Antwort auf das Unheil, das zwei verheerende WeltkriegeFriedensprojekt konzipiert.
Der Anspruch, den Frieden dauerhaft zu sichern, erforderte jedoch eine völlig neue Form der Zusammenarbeit in Europa. Mit dieser Erkenntnis fiel der Startschuss zur Gründung der Europäischen Union, als der französische Außenminister Robert Schuman im Mai 1950 den nach ihm benannten Plan zur Vergemeinschaftung der Kohle- und Stahlindustrie vorlegte. Der Friedensimperativ gilt seitdem als unverbrüchliche Maxime der europäischen Integration. Darauf möchte ich heute ausdrücklich hinweisen, denn die Debatte um die Zukunft versperrt häufig den Blick auf die Vergangenheit.
Die Einbeziehung der Grundrechtecharta in den künftigen Verfassungsvertrag und damit einhergehend die Bezugnahme auf Gott würde ein wichtiges Signal für die Neumitglieder der Union darstellen. Die zehn "Neulinge" lernten Europa als Gemeinschaft kennen, deren Handeln sich an Werten orientiert, die sie in ihrem Verständnis auf christliche Wurzeln zurückführen. Es darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden, dass dem Kreis der EU-Anwärter stark katholisch geprägte Länder wie Polen angehören.
Noch einen weiteren Aspekt möchte ich hinzufügen: Neben der das Zusammenwachsen Europas überwölbenden Friedensidee gehören mindestens zwei Prinzipien der christlichen Soziallehre zur politischen Praxis der Europäischen Union: Am wichtigsten ist der Geist der Solidarität, den die EU traditionell in ihrer Regionalpolitik, der Erweiterungshilfe für die Beitrittsländer und der Entwicklungszusammenarbeit zum Ausdruck bringt. Eine ebenso tragende Säule des europäischen Selbstverständnisses bildet die im Vertrag von Maastricht festgeschriebene Subsidiarität. Die Zuständigkeit Europas beschränkt sich danach nur auf Aufgaben, die die nationale und regionale Ebene nicht erfüllen kann.
Die Rückbesinnung auf die historischen Wurzeln und die Reflexion der eigenen Identität sind entscheidende Voraussetzungen für den Dialog der Kulturen. Dass es dazu keine Alternative gibt, ist allein mit Blick auf die in Deutschland lebenden über drei Millionen Muslime - in Bayern sind es rund 300.000 - eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Die Herausbildung eines wie vom Göttinger Wissenschaftler Bassam Tibi geforderten "Euro-Islam" ist eine wichtige Rahmenbedingung dafür. Vor dem 11. September 2001 wurde das Thema des Zusammenlebens der Kulturen oft leichtfertig und ignorant behandelt. Albert Keller, Münchner Philosoph und Theologe, bemängelte völlig zurecht Gleichgültigkeit und eine "missverstandene Toleranz?. Diesem Urteil kann ich nur beipflichten. Man verschloss die Augen vor Problemen und verdrängte die Frage nach einem Wertekern, ohne den eine Gesellschaft keinen Bestand haben kann.
Die Unionsparteien haben sich dafür ausgesprochen, Integration zu fördern. Deutschland muss jedoch gleichzeitig seine spezifische Identität erhalten. Wir erwarten, dass die hierzulande lebenden Ausländer die bestehenden Werte und Traditionen wie die Stellung des Individuums oder der Frau in Staat und Gesellschaft akzeptieren und sich zu unserem Land bekennen. Mit einer gezielten Integrationspolitik muss der Gesetzgeber die entsprechenden Weichen dafür stellen. Die Kirche kann die sozialen Rahmenbedingungen schaffen und darf aufgrund ihres Selbstverständnisses eine Führungsrolle im Dialog mit anderen Religionen beanspruchen. Auf diese Weise kann der Weg für eine humane Gesellschaft geebnet werden.
Heute gilt es, kulturelle Unterschiede im Menschenbild und in den Wertvorstellungen zu definieren und Gemeinsamkeiten zu formulieren. Nur mit einem solchen kritischen und klärenden Austausch wird der Grundstein gelegt für eine fruchtbringende Integration. Integration muss natürlich auch angebotenIntegration darf aber keine Einbahnstraße sein, keine einseitig erbrachte Dienstleistung, sondern beruht auf dem Prinzip des "do ut des". In anderen Ländern werden gemeinsame Werte sogar mit Stolz hervorgehoben. Wer als Einwanderer in die USA kommt, identifiziert sich mit dem "American way of life". Zu einer US-Staatsbürgerschaft gehören die freiheitlichen Traditionen des Landes.
Ein besorgniserregendes aktuelles Beispiel aus Deutschland ist die Kopftuchdebatte nach dem entsprechenden Urteil des BundesverfassungsgerichtsIntegration junger Türkinnen in die Gesellschaft nicht erleichtert, sondern erschwert. Aus diesem Grund ist die Ankündigung der bayerischen Staatsministerin Monika Hohlmeier, Lehrerinnen das Tragen von Kopftüchern in Schulen per Landesgesetz zu verbieten, mehr als begrüßenswert. Zehn weitere Bundesländer planen derzeit Kopftuchverbote. Ende November will die Staatsregierung einen entsprechenden Gesetzesentwurf vorlegen.
Das Kopftuch darf nicht - wie in der oberflächlichen öffentlichen Debatte - mit dem Kreuz oder dem Habit der unterrichtenden Nonnen gleichgesetzt werden. Das Kruzifix, das einen festen Bestandteil der bayerischen Klassenzimmer bildet und bilden muss, darf nicht aufgrund eines falsch verstandenen Toleranzbegriffs eine Art "Persilschein" liefern, der die Grenzen des Möglichen erweitert und das Kopftuch rechtfertigt. Noch grotesker wäre es, wenn das Kreuz aus den Schulen "herausgeklagt" würde, während sich am Kopftuch keiner stört.
Wir wollen - da ziehen wir gottseidank mit der großen Mehrzahl unserer muslimischen Mitbürger an einem Strang - ein friedliches Miteinander. Der Dialog muss gerade deshalb ohne Vorurteile geführt werden. Wir sollten vermeiden, dass Risse unsere Gesellschaft spalten, eine der größten Risiken in einer multikulturellen Gesellschaft. Davor hat sogar mein grüner Abgeordnetenkollege im Europäischen Parlament Daniel Cohn-Bendit gewarnt. Der bereits erwähnte Bassam Tibi und Erfinder des Begriffs "Leitkultur" hat nachdrücklich auf die Gefahr einer Ghettobildung im Multikulturalismus hingewiesen. In seinem Buch "Europa ohne Identität?" heißt es: "Ghettobewohner entwickeln Feindbilder voneinander, die einem friedlichen Gemeinwesen im Wege stehen." Ohne einen Wertekonsens können, so die zentrale Botschaft, unterschiedliche Kulturgruppen nicht friedlich und pluralistisch zusammenleben. Unsere Vorstellungen von Demokratie und Menschenrechten haben wir aber in der Vergangenheit nicht ausreichend in der islamischen Welt kommuniziert. Auch die Revolution in Osteuropa war nur möglich, weil die westeuropäischen Demokratieideale Verbreitung gefunden haben.
Gegenseitiger Respekt und Toleranz sind Voraussetzungen für einen erfolgreichen Dialog. Als ebenso wichtig erachte ich die Kenntnis anderer Kulturen. Ohne Wissen voneinander können keine Brücken zwischen Völkern errichtet werden. Und gerade über den Islam, die drittgrößte Religion in Deutschland, wissen wir noch immer zu wenig. Wer kennt die Bedeutung der Missionierung im Koran, die Rolle des Islam in der Diaspora oder die fünf Säulen des muslimischen Glaubens? Dialog kann auch nur dann fruchten, wenn die Gesprächspartner in der strikten Ablehnung von religiösem Fanatismus und Extremismus übereinstimmen. Die grundlegenden Werte von Freiheit, Recht und Menschenwürde bilden die Eckpfeiler eines Dialogs. Wir können nicht zulassen, dass Menschen, die in Deutschland leben, wie der durch die Medien zu trauriger Berühmtheit gekommene "Kalif von Köln" an den Grundfesten unserer Gesellschaft rütteln!
Unter den Vorzeichen der Globalisierung rückt die Weltbevölkerung immer engerBundesinnenministerAssimilation ist ebenso wenig eine Lösung des Problems wie eine Nicht-Integration, die mittelfristig zu Ghettobildungen und Brüchen führt. Zwischen diesen Polen muss sich eine Dialogkultur entwickeln. Ein mit Pluralismus und Demokratie zu vereinbarender "Euro-Islam" hat sich bereits ein Stück weit verwirklicht. Ohne die europäische Ausprägung des Islam bleiben Konflikte unausweichlich. Nur so kann der Sprengsatz entschärft werden, den der im Koran niedergelegte Zusammenhang zwischen Migration und Missionierungspflicht bildet. Lässt sich dieses Modell aber überhaupt verwirklichen oder träumen wir von einem westeuropäischen Wolkenkuckucksheim?
Europa hat unzählige Krisen und zwei große Spaltungen erlebt: Die der Konfessionen und die der Systeme. Die erste ist bereits Geschichte: Beim Abschluss des Westfälischen Friedens, der vor 355 Jahren den Dreißigjährigen Krieg beendete, setzten sich zum ersten Mal die Oberhäupter der europäischen Länder gemeinsam an einen Tisch. Sie vereinbarten das Ende eines Krieges, der drei Jahrzehnte lang die Bevölkerung Europas in unversöhnlich scheinende Teile - den der Katholiken und der Protestanten - getrennt hatte. Durch den Beschluss wurde die Gleichberechtigung der Konfessionen garantiert und Gewalt zur Lösung religiöser Differenzen verboten. Erstmals wurde erkannt, dass eine dauerhafte Befriedung Europas nur im Schulterschluss der Staaten
Die Spuren des zweiten Risses, dem zwischen Ost und West, sind dagegen noch deutlich erkennbar. Mit unseren zaghaften Versuchen, die beiden Teile des Kontinents, die eine jahrhundertlange gemeinsame Geschichte verbindet, wieder anzunähern, stehen wir noch ganz am Anfang. Nachdem die Gründungsväter in den fünfziger Jahren die Voraussetzungen geschaffen haben, den Krieg zu überwinden und den Frieden zu etablieren, ist es die vordringlichste europäische Aufgabe heute, die Vereinigung Europas zu verwirklichen. Jetzt besteht die Chance, die zweite große Spaltung Europas zu überwinden. Diese Aufgabe muss gelingen. Das Gebot der Stunde lautet, die Osterweiterung nicht nur technokratisch, sondern ideell zu gestalten. Baumeisterfieber allein, also ohne Bauplan, reicht nicht aus. "Wenn man den europäischen Dingen ihren Lauf lässt, dann nehmen sie einen schrecklichen Verlauf", hat mein politischer Freund Jean-Claude Juncker, Premierminister im Großherzogtum Luxemburg, einmal gesagt. Verstehen Sie dies nicht als Schwarzseherei, denn als Europapolitiker bin ich von Berufswegen Optimist, sondern als Ermunterung, die gemeinsame Gestaltungsaufgabe "Osterweiterung" anzupacken. Eine disziplinierte und ergebnisorientierte grenzüberschreitende Wertediskussion ist dazu die Voraussetzung. Wenn das "Haus Europa" auf einem soliden Wertefundament ruht, mache ich mir um die Statik - auch nach dem größten Anbau seiner Geschichte - keine Sorgen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit! machte wenige Wochen zuvor mit dem Artikel "Schönheit allein reicht nicht. Wir brauchen eine neue Moral" auf. Werte sind "in", war auch eines der Ergebnisse der Mitgliederbefragung, die die entwickeln. Die EU darf ihre Bürger nicht nur als ausgearbeitet. Diese stellt bereits einen wichtigen Schritt in diese Richtung dar. Selten wurde ein politisches Projekt so zügig verwirklicht wie die Charta. Neben der wird. über den Kontinent gebracht haben. Die Europäische Gemeinschaft - so der Begriff aus den Römischen Verträgen - war daher von Anfang an als werden. Bayern hat zum Beispiel als erstes Bundesland das Pilotprojekt für die so genannte "Islamische religiöse Unterweisung" in deutscher Sprache angeboten, das unter anderem hier in München gestartet wurde. im Fall der Lehrerin Fereshta Ludin im September. Zwar ist das Kopftuch nicht eindeutig ein fundamentalistisches Symbol, es steht jedoch bei vielen Lehrern und Schülern für Unterdrückung und Unfreiheit. Mit dem Kopftuch wird die zusammen. Die Folgen eines Zusammenlebens in einer aus vielen Ethnien zusammengesetzten Gesellschaft müssen offen angesprochen werden. Wie bei allen Dingen gilt das Prinzip der goldenen Mitte: Die von Otto Schily angestrebte Europas erreicht werden kann.