Rede von Dr. Ingo Friedrich anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Erinnerung. Künstler im KZ Flossenbürg"
Ein ganz besonderes Willkommen gilt den anwesenden ehemaligen Häftlingen aus Belgien sowie den Mitgliedern der belgischen Überlebendenvereinigung "Amicale Nationale des Prisonniers Politiques et Ayants-Droits du Camp de Flossenburg".
Ich empfinde es als große Ehre, dass ich heute die Ausstellung "Erinnerung. Künstler in Flossenbürg" eröffnen kann. Erinnerung an die Gräuel der Nazizeit tut in Deutschland - auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Schreckensherrschaft Hitlers - not. Gerade jetzt, wenige Wochen nach der historischen Unterzeichnung des Staatsvertrags mit dem Zentralrat der Juden, ist die Erinnerung an das Gewesene wichtiger denn je. Denn die Debatte um die Zukunft, die Zuversicht beim Auf- und Ausbau der jüdischen Gemeinde in Deutschland, verstellt manchmal den Blick auf die Vergangenheit.
"Das Vergessen ist die Wurzel des Exils. Erinnerung bedeutet Erlösung", hat der jüdische Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel einmal gesagt. Die Erinnerung an das Konzentrationslager Flossenbürg in Bayern, genauer gesagt in der nördlichen Oberpfalz, war lange Zeit fast ausgeloschen. Es galt als "vergessenes KZ", obwohl es das viertgrößte auf dem Gebiet des Deutschen Reiches war. Dort und in den Außenlagern waren insgesamt von 1938, dem Jahr seiner Gründung, bis zur Befreiung 1945 mehr als 100.000 Häftlinge interniert - zur "Vernichtung durch Arbeit", wie es Heinrich Himmler ausgedrückt hat. Die Häftlinge wurden systematisch ausgebeutet - zunächst durch Bergbau, was die Lage zur tschechischen Grenze erklärt, und später in der Rüstungsindustrie.
Obwohl es in Flossenbürg wie in Dachau keine Vergasungen gab, bestimmten Erschießungen der politischen Häftlinge den Alltag. Durch gezielte Tötungen oder die Unerträglichkeit der Lebensumstände kamen nachweisbar rund 30.000 Menschen um. Die Dunkelziffer dürfe weitaus höher sein, denn die ankommenden Häftlingstransporte wurden in der Endphase des Lagers nicht mehr registriert. Unter den Insassen befanden sich auch zahlreiche Angehörige des Widerstands wie die Gruppe "20. Juli 1944". Nur wenige Wochen vor der Befreiung wurden in Flossenbürg unter anderem Dietrich Bonhoeffer, Wilhelm Canaris, Hans Oster und Ludwig Gehre ermordet.
Nach Anschlägen und Schändungen der Grabstätte Flossenbürg wurde die Forderung nach einer angemessenen Dokumentation lauter. 1986 wurde die "Arbeitsgemeinschaft ehemaliges KZ Flossenbürg e.V." gegründet mit dem Ziel, die Erforschung der Geschichte voranzutreiben und die Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit wach zu halten. Die Arbeitsgemeinschaft versteht sich als Plattform für den Kontakt mit ehemaligen Überlebenden und steht in ständigem und intensivem Austausch mit den ehemaligen Lagerinsassen. Sie recherchiert nach Kunstwerken - Gemälden, Zeichnungen, Stichen und Lithographien - von früheren Häftlingen und leistet damit einen wichtigen Beitrag zu dem in Deutschland noch weitgehend unentdeckten Forschungsfeld "Kunst und KZ". Fast zehn Jahre später nach der Gründung der Arbeitsgemeinschaft, 1995, fand das erste internationale Überlebendentreffen statt - einige Teilnehmer befinden sich heute im Auditorium - und die erste internationale Jugendbegegnung. In diesem Rahmen wurden erstmalig die Werke der ab 1993 gesammelten Werke der "Maler von Flossenbürg" gezeigt.
Die Künstler sind ehemalige Lagerhäftlinge aus Russland, Polen, der Tschechischen Republik, Frankreich, Deutschland und Belgien. Die Kunst schafft eine besondere und eindrückliche Form der Erinnerung für die nachfolgende Generation. Diese Art der Erinnerung können Geschichtsbücher nicht leisten. Kunst dagegen dokumentiert nicht generalisierend die Geschichte der Lagergefangenen, sondern beleuchtet sonst vergessene Einzelschicksale. Sie wirft den Scheinwerfer damit nur auf einen Bruchteil der Geschichte, macht sie auf diese Weise aber umso plastischer und erfahrbarer, exemplarisch statt chronistisch verallgemeinernd, ganz bewusst persönlich eingefärbt statt mit dem Anspruch auf Objektivität.
Bis heute wurde die Schau "Erinnerung" durch Ankäufe und Schenkungen ständig erweitert. Besonders freut es mich, dass die wissenschaftliche Betreuung und die Publikation des neuen Katalogs finanziell unter anderem von der Europäischen Union unterstützt wurde. Viel beachtete Ausstellungen fanden bereits in Polen, der Ukraine, Belarus und Israel statt. Die über 60 hier ausgestellten Exponate - Zeichnungen, Grafiken und Malereien - berühren den Betrachter tiefer als eine Anhäufung von Informationen. Mit anderen Worten: Sie gehen unter die Haut. Die zeitliche Bandbreite umfasst verschiedene Phasen: von der Zeit im Lager bis zur Rückschau aus heutiger Sicht.
Für die Künstler selbst war ihr Schaffen das letzte Refugium in einer Welt, die ihnen alles streitig machte, auch das Recht auf Leben, ein Zeichen der Auflehnung gegen die grauenvolle Entrechtung. "Malen? Sehen Sie, ich war immer ein Optimist. Im KZ war es wichtig, seinen freien Willen zu behalten. Man musste sich selbst einen freien Raum schaffen, so konnte man sich als Mensch fühlen. Die Malerei hat mir dazu verholfen." So haben Sie, verehrter lieber Herr van Horen, einmal die Bedeutung dieses Refugiums beschrieben. Dem Erinnern widmet sich auch die belgische Überlebendenvereinigung, der bereits 1952 gegründete Verein "Amicale Nationale des Prisonniers Politiques et Ayants-Droits du Camp de Flossenburg".
Meine Damen und Herren, irgendwann wird es einmal keine Zeitzeugen mehr geben. Dann wird eine lebendige und persönlich erfahrbare Erinnerung wie in der heutigen Ausstellung um so wichtiger. Der Schriftsteller Jorge Semprún, der das Konzentrationslager Buchenwald überlebt hat, schrieb 1994: "Der Tag würde kommen, relativ bald, an dem es keine Überlebenden [von Buchenwald] mehr gäbe. Es würde kein unmittelbares Gedächtnis mehr geben: niemand mehr könnte mit Worten der körperlichen Erinnerung sprechen, nicht nur mit den Worten einer theoretischen Konstruktion sagen, wie der Hunger, der Schlag, die Angst gewesen war, die gleißende Gegenwart des absoluten Bösen - in dem Maß absolut, wie es in jedem von uns nistet, als mögliche Freiheit."