Laudatio von Dr. Ingo Friedrich anlässlich der Verleihung des Europäischen Pressepreises 2006 des Europäischen Ehrensenats an Herrn Rolf-Dieter Krause
- Manuskriptfassung -
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
sehr verehrte Europäische Ehrensenatoren,
ich freue mich sehr, dass mir nur ein Jahr nach meiner Aufnahme in den Europäischen Ehrensenat die Ehre zukommt, die Laudatio auf die Person halten zu dürfen, die heute feierlich mit dem Europäischen Pressepreis 2006 ausgezeichnet wird. Aber nicht nur dies: ich hatte sogar die Ehre, den Kandidaten für die Verleihung dieses Preises vorzuschlagen. Mit großer Freude habe ich Rolf-Dieter Krause, den Leiter des ARD-Studios Brüssel, für den Europäischen Pressepreis 2006 vorgeschlagen.
Meine Damen und Herren, ich bin mir sicher, dass es mir nicht schwer fallen wird, Sie von der Richtigkeit meiner Wahl zu überzeugen.
Ich greife nicht zu hoch, wenn ich sage, dass Rolf-Dieter Krause in Deutschland als eines der journalistischen Gesichter Europas gilt. Seine Berichte, Meldungen und Kommentare über die Europäische Union prägen ganz entscheidend die öffentliche Meinung über Europa in Deutschland. Ihm als Leiter des ARD-Studios Brüssel und seinem Team ist es zu verdanken, dass Europa immer wieder auch in großen Nachrichtensendungen wie Tagesschau und den Tagesthemen vorkommt und Beachtung bekommt. Fast schon legendär sind seine Berichte und Kommentare von nächtlichen Ratssitzungen und seine pointierte Beurteilung und lebensnahe Darstellung verfahrener Verhandlungssituationen.
Schon vor 17 Jahren berichtete der Vollblutjournalist aus der Hauptstadt Europas: von 1990 bis 1995 war er zum ersten Mal ARD-Korrespondent in Brüssel, bis er als stellvertretender Studiochef und Moderator des »Bericht aus Bonn« zurück ins ARD-Studio Bonn wechselte. Diese Politiksendung ist eine der wichtigsten politischen Sendungen im deutschen Fernsehen. Heutzutage heißt sie natürlich "Bericht aus Berlin".
Bereits während seiner ersten Zeit in Brüssel durfte ich Rolf-Dieter Krause als hochprofessionellen, kritischen und fairen Journalisten erleben, der den Menschen in Deutschland die Neuerungen und Entwicklungen des Maastrichter Vertrags und die Vorbereitungen zum Euro näher brachte.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich meine, in dieser Zeit wurde der heute zu Ehrende angesteckt vom "Virus", den wir alle hier im Raum in uns tragen: den Virus der Begeisterung und der Faszination an Europa. Nach seiner ersten Brüssel-Zeit arbeitete der Journalist noch 5 weitere Jahre als stellvertretender Leiter des ARD-Studios in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn, doch sein Herz schlug für Brüssel und Europa. Ich zitiere: »Von einer erneuten Entsendung nach Brüssel träumte ich schon damals, die Stadt und die Arbeit dort– das war genau mein Ding«. Nach knapp eineinhalb Jahren als Programmchef des WDR Fernsehens war es so weit und Rolf-Dieter Krause durfte zurück in die Hauptstadt Europas: seit Mai 2001 leitet Krause das ARD Studio Brüssel.
Dieses ist mit Abstand das größte Auslandsstudio der ARD; sechs Redakteure samt dazu gehörendem Produktionsstab arbeiten in unmittelbarer Nähe des Berlaymont-Gebäudes an Berichten über die Europäische Union, die NATO, aber auch über Politik und Gesellschaft der Beneluxländer. Das Studio Brüssel produziert als einziges Auslandsstudio der ARD regelmäßig eigene Sendungen, und zwar gleich drei: das "Europamagazin", das alle zwei Wochen über die neuesten Entwicklungen in Europa berichtet und dabei auf Länderspezifisches eingeht; den "Bericht aus Brüssel" (Sie erkennen die Parallele zu "Bericht aus Bonn"! ) und "Brüssel 0800", bei dem die Bürger direkten Kontakt zu ihren Abgeordneten, Europaexperten und Kommissionsvertretern haben bzw. direkte Fragen zu europapolitisch relevanten Themen gestellt werden können. Oft schon hatte ich die Ehre, bei dieser wirklich innovativen Sendung den Bürgern Rede und Antwort zu stehen. Dies alles steht in der Verantwortung von Rolf-Dieter Krause.
Unser Laureat, der Chef des ARD-Studios Brüssel, ist ein Journalist von der Pike auf: Er begann bei einer Schülerzeitung und mit freier Mitarbeit in der Sportredaktion der "Braunschweiger Zeitung". Nach dem Abitur lernte er den Beruf richtig, bei der "Landeszeitung für die Lüneburger Heide" in Lüneburg. Es folgten fast zehn Jahre bei der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (WAZ). Seit 1982 ist er schon beim Fernsehen des WDR.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, schon oft habe ich Vorträge gehalten über die Wichtigkeit von Öffentlichkeit für den politischen Prozess, habe ich mir Gedanken gemacht über die Existenz einer europäischen Öffentlichkeit und überlege mir Strategien, wie diese Öffentlichkeit hergestellt, bzw. am besten genutzt werden kann. Und ich komme immer wieder zu dem Schluss, dass wir einfach mehr engagierte und "sichtbare" Journalisten wie Rolf-Dieter Krause brauchen.
Leider besteht eine gewisse Schwierigkeit, Brüssel und die europäische Politik zu vermitteln. Die Europamüdigkeit und -skepsis schlägt sich in einem mangelnden Interesse an Europa nieder. Ich bin jedoch der Meinung, dass Brüssel sehr wohl vermittelbar ist. Es liegt auf der Hand, dass es ein kompliziertes Unterfangen ist, dem Bürger alle Politik-Bereiche der europäischen Union und vor allem deren manchmal sehr komplizierten Kompromissfindungsprozess näher zu bringen. Die Bürger müssen jedoch informiert sein, um aktiv am politischen Meinungsbildungsprozess teilhaben zu können. Und vor allem, um eine europäische Identität entwickeln zu können.
Brüssel scheint sehr weit weg und für den Bürger oftmals identisch mit Bürokratie und Regelungswut zu sein. Deshalb bin ich umso glücklicher, dass es Journalisten gibt, die in ihrem Beruf des Journalisten tatsächlich den Auftrag sehen, den Lesern, Hörern oder Zuschauern zu vermitteln und zu erklären, wie die EU funktioniert, welches ihre Kompetenzen und welches ihre Grenzen sind. Und vor allem, wie sie unser alltägliches Leben betrifft! Denn in der Tat kommen wir an Brüssel nicht mehr vorbei. Brüssel ist Teil unseres Alltags, Brüssel betrifft nahezu alle unsere Lebensbereiche, Brüssel ist in Frankreich, Finnland und in Franken: das ist das Ergebnis des jahrzehntelangen Prozesses der europäischen Integration. Diese Realität wird leider zu oft verkannt.
In der Tat sollte es Ziel sein, die großen Linien der europäischen Politik zu einem echten Projekt der Bürger Europas zu machen. Auf dass in einem immer stärker zusammenwachsenden Europa eine echte europäische Identität entsteht und sich der Bürger durch Brüssel auch wirklich vertreten fühlt. Zur Erreichung dieses Ziels sind alle gesellschaftlichen Gruppen gefragt. Und in besonderer Weise eben die Journalistinnen und Journalisten. Denn Europa braucht Öffentlichkeit in Deutschland, eine größere Öffentlichkeit, als sie bislang besteht. Immer noch wird viel zu wenig in den Medien über Europa berichtet. Europa wird geradezu stiefmütterlich behandelt, bzw. kommt Europa nur dann in den Fokus der Medien, wenn es "negative Meldungen" gibt. Ähnlich äußerte sich der finnische Ministerpräsident Matti Vanhanen am Ende der finnischen Ratspräsidentschaft: Ein Journalist hatte ihm vorgeworfen, es wäre eine "langweilige"' Präsidentschaft gewesen, kaum Krach und viel zu viel Harmonie. Der Finne erwiderte kühl: da bin ich lieber langweilig! Dies zeigt das Dilemma, in dem Europa 50 Jahre nach den Römischen Verträgen und wachsender Integration steckt. Ich bin sehr glücklich, dass sich die deutschen Bürger anlässlich der Deutschen Ratspräsidentschaft stärker und intensiver für das Agieren ihrer Regierung auf europäischer Ebene zu interessieren scheinen. Gleichzeitig hoffe ich, dass dieses Interesse und die derzeitig erfreulicherweise feststellbare "Begeisterung" der deutschen Medien für Europa auch nach den 6 Monaten Ratspräsidentschaft erhalten bleibt.
Denn nur wer informiert ist, kann sich eine qualifizierte Meinung bilden und Sachverhalte kritisch beurteilen, kann sich als Teil des Ganzen verstehen. Wenn den Bürgern das Funktionieren der Europäischen Union, seine Geschichte und seine weitere Entwicklung geläufig sind, wird er sich auch mehr und mehr damit identifizieren und es als Teil seiner Lebenswelt wahrnehmen.
Hier kommt Rolf-Dieter Krause ins Spiel: in seiner Arbeit beweist er immer wieder höchste Sensibilität für genau dieses Anliegen. Unermüdlich ist er in seiner Überzeugung, nur guter, kritischer Journalismus kann den Menschen Europa wirklich näher bringen und kann zu mehr Akzeptanz Europas führen. Liest man Interviews mit ihm etwa über die aktuelle Deutsche Ratspräsidentschaft, meint man fast, die Worte eines Europaabgeordneten zu lesen, der beständig die Chancen der Europäischen Integration predigt: sie verteidigen Europa vehement und fundiert gegen alle beständigen Vorurteile des Bürokratiemonsters und bezeichnen das Projekt der Europäischen Integration als Erfolgsmodell und als einzig effiziente Antwort auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.
Als ein Ziel des "Berichtes aus Brüssel", eine der drei Hauptsendungen aus Brüssel, nennen Sie, zu vermitteln, dass die Menschen auf Europa stolz sein können. Ich bin beeindruckt von Ihrer realistischen, doch visionären Analyse Europas im 21. Jahrhundert. Sie antworten auf die Frage, auf was man stolz sein kann in Europa, ich zitiere: "Fast alles, was in Westeuropa mal zu Kriegen geführt hat, ist im Grunde noch da. Der Unterschied ist, dass wir das Schlachtfeld durch den Verhandlungstisch ersetzt haben. Und dass wir begriffen haben, dass es langfristig nicht darauf ankommt, sich gegen die Nachbarn durchzusetzen, sondern den Ausgleich der Interessen zu suchen. Europa hat damit ein Modell geschaffen, das ein Beispiel sein könnte für viele Regionen in der Welt, in denen heute Spannungen herrschen, oder gar Krieg. Etwa den Nahen Osten: Wenn Israelis und Palästinenser wirklich mal ohne Angst schlafen gehen wollen, wenn sie ihre Kinder unbesorgt zur Schule schicken und selbst ganz normal zur Arbeit gehen wollen, dann werden sie eines Tages so etwas ähnliches anfangen müssen wie vor gut 50 Jahren Franzosen und Deutsche. Auch wenn wir uns das kaum vorstellen können: Historisch gesehen war es erst gestern, dass Franzosen und Deutsche Todfeinde waren, wie Israelis oder Palästinenser heute. Oder Albaner und Serben im Kosovo." Zitat Ende. Für diese Ihre Grundüberzeugung danke ich Ihnen hier und heute ganz besonders!
Sehr verehrte Damen und Herren, unser Preisträger kennt die Brüssler "Szene", wenn ich das so flockig sagen darf, wie kein Anderer. Seine jahrelange Erfahrung geben ihm Glaubwürdigkeit und die Kompetenz, komplexe europapolitische Sachverhalte stets detailliert, aber leicht verständlich darzustellen. Hierin liegt genau die Kunst, die es braucht, um Europa näher an den Bürger zu bringen und den Abstand zwischen der EU und ihren Bürgern zu verringern: komplexe Sachverhalte müssen leicht und verständlich für Jedermann dargestellt werden. Diese Kunst beherrscht Rolf-Dieter Krause im Schlaf. Der Preisträger trägt durch seine stichhaltigen Kommentare und erklärenden Berichte entscheidend dazu bei, dass europäische Themen immer wieder einen so wichtigen Platz in den großen Nachrichtensendungen wie Tagesschau und Tagesthemen bekommen. Dies sicher nicht selten gegen den Widerstand aus den Chef-Redaktionen in Berlin und Hamburg... Insofern trägt Rolf-Dieter Krause in besonderem Maße zu einer größeren europäischen Öffentlichkeit in Deutschland bei.
Dieses sein Anliegen, Europa immer wieder "an den Mann und an die Frau zu bringen" und mehr Aufklärung über die Aufgaben, Leistungen und auch Fehlentwicklungen der Europäischen Union zu bieten, verfolgt Rolf-Dieter Krause mit unermüdlichem Eifer, Standhaftigkeit, Verlässlichkeit und Verbindlichkeit. Bei Abgeordneten und Vertretern aus den Institutionen genießt der Laureat größtes Ansehen und vor allem ein hohes Maß an Vertrauen, das für das Verhältnis zwischen Politiker und Journalist von fundamentaler Bedeutung ist.
Rolf-Dieter Krause ist auch immer wieder ein wichtiger Akteur beim WDR Europaforum, das am 9. und 10. Mai 2006 in Berlin unter dem Titel: "Europas ungewisse Zukunft - Strategien für eine neue EU-Politik". stattfand. Sehr gut habe ich noch das Europaforum im Jahre 2005 in Erinnerung, das direkt aus dem Europäischen Parlament in Straßburg ausgestrahlt wurde und an dem ich selbst teilnehmen durfte.
Hervorzuheben ist ebenso sein Engagement für europa einfach e.v., eine deutschsprachige Internetseite an der Schnittstelle zwischen Politik und Internet zum Thema Europa. Ziel des Vereins ist die Förderung einer besseren Europakommunikation. So soll den Menschen in Deutschland Europa bis zu den nächsten Europawahlen 2009 spürbar vertrauter werden. Auch soll die EU-Berichterstattung in den Medien und die Bildungsangebote zu Europa entsprechend der Bedeutung der EU gesteigert werden. Ich selbst unterstütze diesen Verein im Namen der CSU-Europagruppe im Europäischen Parlament und freue mich deshalb besonders über dieses Engagement des Preisträgers.
Meine Damen und Herren, ich denke, Sie stimmen mir zu, dass man gar nicht anders kann, als Rolf-Dieter Krause den Europäischen Pressepreis 2006 zu verleihen. An dieser Stelle kann ich mir eine Anspielung auf seine brillante Laudatio anlässlich der Verleihung des Karlspreises an Jean-Claude Juncker im Jahre 2006 nicht verkneifen: Rolf-Dieter Krause zeigte sich überrascht, dass Jean-Claude Juncker als einer der Väter des Euro den Karlspreis noch nicht hatte. Sein erster Gedanke dazu war: "Na endlich mal wieder einer, der ihn wirklich verdient hat." Sein zweiter allerdings folgte sofort: "Wieso? Hat er den nicht längst?" Ähnlich könnten wir uns angesichts der Leistungen um die europäische Öffentlichkeit fragen, warum Rolf-Dieter Krause nicht schon längst in dieser Runde ausgezeichnet worden ist.
In Anlehnung an den verehrten Jean-Claude Juncker, über dessen Anwesenheit ich mich heute besonders freue, wird er doch in den Ehrensenat aufgenommen, möchte ich nochmals auf besagte Rede zurückkommen. Die Verleihung des Karlspreises an den Euro im Jahr 2002 kommentierte der luxemburgische Premierminister mit den Worten: "Der Karlspreis für den Euro, das sei so, als sei nicht Alexander Fleming, sondern das Penicillin mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden." In diesem Sinne bin ich sehr froh, dass wir heute direkt den Akteur, und nicht etwa den "Bericht aus Brüssel" mit dem Pressepreis auszeichnen.
Sehr geehrter Herr Krause, für Ihr Engagement um mehr Kenntnis und Öffentlichkeit für Europa in Deutschland gebühren ihnen mein aufrichtiger Dank und meine große Anerkennung. Ihnen gebührt der Dank unser aller, die wir Öffentlichkeit brauchen und deshalb freue ich mich umso mehr, Ihnen heute den Europäischen Pressepreis 2006 des Europäischen Ehrensenats überreichen zu dürfen. Möge er ihnen Anreiz sein, auch in Zukunft ein treuer Verfechter und Aufklärer für das europäische Einigungsprojekt zu sein.
Herzlichen Glückwunsch und nochmals vielen Dank Ihnen!