Beitrag von Dr. Ingo Friedrich für die Festschrift anlässlich des 80. Geburtstags des Heiligen Vaters
"Die Renaissance des Glaubens"
Zunächst möchte ich Ihnen, Heiliger Vater, meine herzlichsten Glückwünsche zum Geburtstag aussprechen. Vor allem wünsche ich Ihnen beste Gesundheit und viel Kraft und Energie für die Erfüllung Ihrer vielfältigen und schwierigen Aufgaben.
Mir persönlich ist es eine große Freude und Ehre, an dieser Geburtstagspublikation zu Ihren Ehren mitwirken zu dürfen.
Als Vorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CSU habe ich mich regelmäßig mit Ihren Werken und Ihren Thesen beschäftigen dürfen. In meiner nun fast 30jährigen Tätigkeit als Abgeordneter des Europäischen Parlaments habe ich Ihre Positionen und Überzeugungen schon mehrfach reflektieren und in meine Arbeit einfließen lassen können. Ihre streitbaren Meinungen waren immer wieder Gegenstand der Diskussionen mit meinen Kollegen aus den verschiedenen Mitgliedsländern der Europäischen Union.
Die Beiträge dieser Festschrift stehen unter dem Thema: "Die Renaissance des Glaubens". Die tiefe Trauer über den Verlust von Papst Johannes II, die Begeisterung und Euphorie anlässlich Ihrer Papstwahl weltweit und ganz besonders in Deutschland und Bayern, die Massen junger Menschen anlässlich Ihres Besuchs beim Weltjugendtag in Köln und nicht zuletzt Ihr Besuch in Ihrer Heimat zeugen davon, dass sich die Menschen in einer tendenziell als individualistisch und wertefrei beschriebenen Welt sehr wohl für Religion und Werte begeistern und ein Gemeinschaftserlebnis suchen, das Ihnen Halt, Sinn und Orientierung gibt. Gerade in Zeiten der Globalisierung sucht der Mensch nach Halt und neuer Sicherheit; die mit den weltweiten Vernetzungen einhergehenden wirtschaftlichen Herausforderungen machen den Menschen Angst und geben ihnen ein Gefühl der Unsicherheit und der Hilflosigkeit gegenüber den mit hohem Tempo erfolgenden globalen Veränderungen. Diese Ängste erlebe ich in meiner täglichen Arbeit als Abgeordneter des Europäischen Parlaments in meinen Gesprächen mit Bürgern und in deren Anfragen ganz hautnah. Oft dominiert ein Gefühl des "Alleingelassen-Werdens" inmitten der sich dauernd verändernden Lebensumstände aufgrund von Arbeitsplatzverlagerung und eines sich im harten Wettbewerb mit den aufstrebenden Mächten China und Indien wandelnden sozialen Klimas. Aus meinem christlichen Glauben heraus sehe ich mich in der Pflicht, einen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit und Toleranz in den europäischen Gesellschaften zu leisten. Als Mitglied der Grundsatzkommission der CSU, die der Parteibasis noch in diesem Jahr ein zukunftsfähiges Programm vorlegen wird, habe ich mich stets zur Wahrung der Werte wie Schutz des Lebens, Familie und Nachhaltigkeit ausgesprochen; Werte, die auf den christlichen Werten gründen. Meine Mitarbeit im Grundrechtekonvent zur Erarbeitung der Grundrechte der Europäischen Union gab mir die Möglichkeit, meine Überzeugungen auch in die Festlegung der gemeinsamen Grundrechte der Europäischen Union einzubringen.
Dies tue ich aus meiner Grundüberzeugung vom christlichen Menschenbild, von Nächstenliebe und der sich daraus zwingend ergebenden Verpflichtung einer solidarischen Wertegesellschaft gegenüber heraus.
Christen, aber auch die Kirchen insgesamt sind in der sich schnell verändernden Gesellschaft in der Pflicht, einen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft zu leisten. Durch ihre großen Hilfswerke wie Diakonie und Caritas und deren Arbeit vor Ort hat die Kirche meist einen "direkten" Draht zu den Hilfsbedürftigen in unserer Gesellschaft und in anderen Ländern der Welt, seien es Arme und Kranke, Arbeitslose oder Jugendliche. Die Kirchen sind in diesem Sinne Stimme und Anwalt der sonst "Stimmlosen". Dieses Engagement liegt begründet in dem ganz besonderen Bild vom Menschen als Ebenbild Gottes. Das Entscheidende ist demgemäß, dass Christen alle Menschen als erschaffen "nach Gottes Bild und Gleichnis" verstehen. Davon ausgehend ist jeder einzelne Mensch, unendlich wertvoll und kostbar. Der Einzelne ist wichtig und kein Einziger darf aufgegeben werden, zumal es in der Bibel heißt: "Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen".
Ich bin überzeugt davon, dass wir Christen diese Botschaft immer wieder öffentlich und klar wahrnehmbar vertreten und für sie eintreten müssen. Eine derartige sichtbare Einstellung macht unsere Gesellschaft menschlicher und tut ihr gut. Wenn Menschen ihre Selbstachtung verlieren, weil sie sich überflüssig fühlen, wenn Jugendliche ohne Hoffnung dem Leben gegenüberstehen, weil sie keine Perspektive sehen, dann muss unsere Stimme und unser Eintreten für die Schwachen unüberhörbar werden.
Oft frage ich meine Kollegen im Europäischen Parlament, woher denn das soziale Gewissen, die Toleranz, der Respekt von Minderheiten und Andersdenkenden kommt, die Verantwortung für die Schöpfung und die Umwelt, die wir häufig über nationale und parteipolitische Grenzen hinweg vertreten: Diese Überzeugungen haben ihren Ursprung in unserem gemeinsamen christlichen Weltbild und Wertekanon. So unterschiedlich die Überzeugungen der verschiedenen Parteien, der europäischen Regierungen und Abgeordneten im Europäischen Parlament auch sein mögen, dieses gemeinsame christliche Erbe in Europa, das uns viel mehr prägt als uns bewusst ist, verbindet uns und treibt uns immer wieder an, an eine "gerechtere", "bessere" und "menschlichere" Welt zu glauben. Deshalb spreche ich mich auch nach wie vor für einen Gottesbezug in der Europäischen Verfassung aus.
Ich bin von dem universellen Charakter dieser Werte überzeugt und bin der Meinung, dass diese Werte auch als Grundlage eines friedlichen Zusammenlebens auf unserer Erde insgesamt dienen können.
Als Vorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CSU knüpfe ich auch Erwartungen und Hoffnungen an Ihre Amtszeit, was die Zukunft der Ökumene angeht. Ich hoffe sehr, dass Sie als "Papst aus dem Land der Reformation" ein Zeichen setzen und zu einer Verbesserung der Verhältnisse zwischen den christlichen Kirchen beitragen werden. Eine erste Geste wäre es, wenn Katholiken und Protestanten unter bestimmten Bedingungen gemeinsam der Einladung Christi folgen und das Abendmahl an einem Tisch einnehmen könnten. Eine Überwindung dieser Trennung hätte für viele Christen gerade in konfessionell unterschiedlichen Ehen eine wunderbare Botschaft.
Es macht mir Mut, dass Sie Ihr Pontifikat auch als ökumenischen Dienst verstehen. Meine tiefste Überzeugung ist, dass die beiden christlichen Kirchen gemeinsam für die Stärkung des Glaubens eintreten sollten. Gerade in Zeiten, in denen das Christentum in vielen Teilen der Welt bedroht ist, ist der Zusammenhalt der Christen von existentieller Bedeutung. Gemeinsam können wir es schaffen, Gott in der Europäischen Verfassung zu verankern; gemeinsam können wir es schaffen, unsere christlich-abendländischen Werte in einer bedrohten und unsicher werdenden Welt zu verteidigen. Auch die so drängende geistige Auseinandersetzung mit dem Islam können wir nur gemeinsam bestehen.
Bundespräsident Horst Köhler hat seinen Hoffnungen und Erwartungen Ausdruck verliehen, als er Ihnen bei Ihrer Ankunft in Bayern nahe legte, trotz gewisser Fortschritte während der letzten fünf Jahrzehnte nicht müde zu werden, die Ökumene immer weiter zu entwickeln. Durch Annäherung und gegenseitigen Respekt und versöhnter Verbundenheit können die tiefen und wesentlichen Gemeinsamkeiten gefunden und gestärkt werden. Sicher lässt sich die fast 500 Jahre unterschiedliche theologische und glaubenspraktische Entwicklung nicht mit einem Male übergehen, doch es wäre sicherlich ein großer Fortschritt für beide Kirchen, wenn wir gemeinsam für unsere Werte eintreten würden. Ich stimme dem Bundespräsidenten voll und ganz zu, wenn er sich überzeugt zeigt, dass uns doch viel mehr verbindet, als uns trennt.
In Ihrer ersten Enzyklika haben Sie vom Glauben als von einer positiven Option gesprochen. "Deus caritas est" galt vielen als eine Einladung an die Welt, ja las sich als ein Appell an alle Religionen und Konfessionen zur Selbstbesinnung und zur Selbstprüfung. Gleichzeitig kann diese Botschaft als klare Absage an jedwede Instrumentalisierung des Glaubens und der Religion zu irdischen Zwecken verstanden werden. Eine deutliche Abkehr von einer Rechtfertigung für Krieg, Terror und Mord enthält Ihre erste Botschaft an die Welt. Zu Recht betonen Sie die Güte und die Großherzigkeit Gottes, uns Frieden und Toleranz anzubieten.
Sie, Heiliger Vater, haben sich seit Ihrem Amtsantritt mit theologischer Entschiedenheit und intellektueller Kraft gegen jeden Missbrauch von Religion gewehrt, der letztlich jede religiöse Überzeugung in Misskredit bringen kann. Dies entspricht im Grunde wieder den universellen Werten von Toleranz und Nächstenliebe. Ich hoffe sehr, dass Ihre Botschaft immer mehr offene Ohren findet und in den Herzen und Köpfen Raum gewinnt – und das überall auf der Welt. Dies würde uns helfen, unseren Planeten zur friedlichen Heimat aller Religionen zu machen.
Die Werte von Toleranz und gegenseitigem Respekt sind in sehr vielen Politikfeldern der gegenwärtigen Zeit gefragt: sie sind von Bedeutung ebenso in der Frage, wie wir dem gewaltigen Flüchtlingsstrom vom afrikanischen Kontinent nach Europa begegnen, als auch in unserem Agieren die Klimaerwärmung betreffend. Unsere Überzeugung von der Verantwortung gegenüber den nachfolgenden Generationen verpflichtet uns dazu, sehr besonnen auf Nachhaltigkeit auch im Rahmen der Generationengerechtigkeit zu achten.
Völker, Kulturen und Religionen vermischen sich heute mehr als jemals zuvor. Damit das friedlich geschieht, brauchen wir auch mehr als je zuvor den Respekt voreinander und die gegenseitige Achtung. Ein friedliches Zusammenleben wird es nur dann geben, wenn eine gerechte Anteilnahme aller an den Gütern der Erde möglich wird.
Einer Ihrer Vorgänger, Papst Paul VI., hat es auf die Formel gebracht: "Entwicklung ist der neue Name für Frieden." Und schon bei den Propheten heißt es: "Das Werk der Gerechtigkeit wird Friede sein". In Ihrer Enzyklika haben Sie diese Gedanken weiterentwickelt. Der oft angezweifelte „gute Menschenverstand“ kann nicht anders, als Ihnen hierbei zuzustimmen.
Heiliger Vater,
50 Jahre nach der Unterzeichnung der Römischen Verträge suchen wir in Europa nach einer neuen Vision, einer sprichwörtlichen "Neubegründung" des Europäischen Integrationsprojekts. Der Europaverdruss scheint nach den beiden negativen Referenden in Frankreich und Spanien weiter zuzunehmen, die Notwendigkeit europäischer Regelungen wird vor einem vermeintlich riesigen Bürokratieaufkommen angezweifelt. Sicher sind viele der Ziele, die den Europäischen Gründungsvätern Hauptantriebskraft waren wie etwa offene Grenzen in Europa, ein funktionierender Binnenmarkt und Frieden und Stabilität in Europa größtenteils erreicht, bzw. scheinen gesichert. Doch genau diese friedensstiftende Kraft Europas darf niemals als gesichert gelten, darf niemals als "selbstverständlich" angesehen werden. Denn es gilt, sich ständig und immer wieder um Ausgleich, Verständigung und Frieden zu bemühen.
In einem Brief an den Bischof von Verdun anlässlich des 90. Jahrestages der Schlacht von Verdun drücken Sie sehr treffend auch meine Überzeugungen von der besonderen Verantwortung aus, die wir politisch Verantwortlichen in der Europäischen Union und auf der nationalen Ebene haben. Ich erlaube mir, Ihre Heiligkeit zu zitieren:
"Mögen unsere Zeitgenossen, vor allem die jungen Generationen, aus der Geschichte lernen und sich – aus den christlichen Wurzeln und Werten heraus, die in erheblichem Umfang dazu beigetragen haben, das Europa der Nationen und das Europa der Völker zu gestalten – darum bemühen, Bande der Brüderlichkeit und der Liebe untereinander zu knüpfen, zum Wohle aller und zugunsten der Entwicklung der einzelnen Länder, indem sie für die Ärmsten und Geringsten Sorge tragen.
(...) Nur Versöhnung und gegenseitiges Vergeben können zu einem echten Frieden hin führen. Sie entstammen einem christlichen Geist und gehören auch zu den Maßstäben politischen Handelns. Darin besteht heute die Verantwortung der Machthaber, der Völker Europas und aller Nationen."
Diese Verpflichtung dürfen wir nie vergessen, auch wenn die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts auf den ersten Blick darüber hinaus gehender Natur sind. Doch im Kern geht es bei den Veränderungen durch Globalisierung, internationalen Terrorismus und Klimaerwärmung um die Frage, wie wir dauerhaft ein friedliches Zusammenleben auf unserer Erde sichern können, wie wir allen Menschen ein menschenwürdiges Leben in Frieden und Freiheit ermöglichen und die Menschenrechte in einer klein werdenden Welt offensiv vertreten können.
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel bekannte sich bei Ihrer viel beachteten Antrittsrede als EU-Ratspräsidentin vor dem Europäischen Parlament zu den Grundwerten der Toleranz; sie bezeichnete die Toleranz gar als Europas Seele. Gleichzeitig warnt sie vor Hochmut gegenüber Menschen und Regionen auf der Erde, die sich heute schwer tun, Toleranz zu üben. Vielmehr wies sie auf die Verpflichtung hin, überall in Europa und auf der ganzen Welt, Toleranz zu fördern und allen zu helfen, Toleranz zu üben. Die anspruchsvolle Tugend Toleranz brauche jedoch Herz und Vernunft, sie verlange uns etwas ab und sei keineswegs mit Beliebigkeit und Standpunktlosigkeit zu verwechseln. Ich stimme unserer Bundeskanzlerin hier voll und ganz zu. Wir Christen sind in der Pflicht, uns zu unseren Grundwerten zu bekennen und diese auch standhaft zu verteidigen, ohne die Toleranz zu missachten.
In diesem Sinne meine ich, tatsächlich eine "Renaissance des Glaubens" in Europa konstatieren zu können, brauchen wir ihn doch zu unserer gemeinsamen Zielbestimmung und als Basis für unser gemeinsames Wertefundament.
Heiliger Vater, nochmals möchte ich Ihnen von Herzen alles Gute zu Ihrem 80. Geburtstag und einen Tag voller Freude wünschen. Seien Sie sich sicher, dass Sie in mir stets einen engagierten "Mitstreiter" für unsere gemeinsame christliche Überzeugung haben.