Vom Chaos zur prägenden politischen Kraft in Europa

90er Jahre: Abstimmung im Plenum
Mit der ersten Direktwahl zog Ingo Friedrich 1979 in das Europäische Parlament ein und erinnert sich an einen chaotischen und ziemlich ineffizienten Start. Denn zunächst bestimmten vor allem organisatorische Aspekte die Arbeit der Europaabgeordneten. Es musste festgelegt werden, wann das Parlament tagen sollte, wann Abstimmungsstunden stattfinden und wie namentliche Abstimmungen geregelt werden sollten. Die Abgeordneten hatten noch keine eigenen Büros, geschweige denn eigene Telefone, sondern mussten an Telfonzellen anstehen. Organisationstalent, Zurechtkommen mit überraschenden Situationen, schnelles Reagieren und Ideenreichtum waren unabkömmliche Eigenschaften, die jeder Europaabgeordnete mitbringen musste.
Seitdem hat sich aber viel verändert und heute steht die ganz konkrete Gesetzgebungsarbeit im Vordergrund. Das Europäische Parlament ist vom reinen Beratungsorgan zum Mitgestalter herangewachsen und stellt mittlerweile die prägende politische Kraft in Europa dar. In mehr als 40 Politikbereichen – darunter Binnenmarkt, Umwelt- und Verbraucherschutz, Forschung und Kultur – kann das Parlament mitentscheiden und das Gesetzgebungsverfahren durch das Ablehnen oder Umschreiben von Gesetzen beeinflussen.
Das Europäische Parlament präsentiert sich heute selbstbewusst und einflussreich, dennoch fehlt bei den Bürgern Europas noch immer die Akzeptanz für die europäische Politik. Diese Faszination für Europa zu erwecken ist eine der großen Herausforderungen, vor denen das Europäische Parlament während der nächsten Legislaturperiode steht.